20.26

 

BETENDER RUF

 

Die übertriebenen Verlautbarungen, mit der daraus resultierenden Überbewertung von Fehlern, Versagen, Tragödien, Dramen … führen dazu, dass die aufkeimenden Hoffnungen immer mehr schwinden und der Verstand in ständiges Klagen verfällt und in die quälende Überzeugung, dass alles schlecht ist, dass es keine Lösung gibt.

Der Einkommenspessimismuswird immer beständiger. Und der mentale Sinn des Daseins verwandelt sich in Produktivität, in Gewinn, in Erfolge … und wenn diese ausbleiben, ist die Schlussfolgerung das Unheilvolle, das Unmögliche und die Suche nach Verantwortlichen, nach Schuldigen.

 

Der Betende Ruf warnt uns – als Wesen, die die eigene, natürliche, ruhige und ausgeglichene Haltung suchen, die man „gesund“ nennt –, er warnt uns vor der dekadenten Haltung der Leidenden, die mit ihren Schwierigkeiten bereits mit gesenktem Haupt kommen und mit der angekündigten Verzweiflung erscheinen.

Doch nicht nur auf der Ebene der Aufmerksamkeit, sondern auch auf der Ebene des Zusammenlebens, des Daseins scheint es verboten zu sein, zu seufzen, zu ermutigen, zu fördern, nach den Ressourcen zu streben, die das Leben selbst schenkt. Denn es ist kein Entwurf aus Krankheit, Leiden und Verzweiflung. Es ist ein Entwurf der Evolution, des Gleichgewichts, der Sprachen, der Bündnisse, der Allianzen zwischen allen Lebewesen.

 

Das Zusammenleben des Lebendigen – ausgehend vom Unsichtbaren der bakteriellen, viralen, pilzlichen Einheiten usw. – gibt uns einen Einblick in eine verbundene Welt, in eine synchronisierte Welt… während der Mensch in diese vernetzte und ausgewogene Evolution eingreift, in dem Bestreben, sich alles zur Verfügung zu stellen, alles seinen Bedürfnissen zu unterwerfen, von der Herstellung von Parfüms bis hin zu hochverarbeiteten Lebensmitteln, weiter zu Wohnräumen, Kleidung und einer Unendlichkeit von „dekadenten“ – ja, dekadenten – Dienstleistungen, die unsere Fähigkeiten und Ressourcen zunichtemachen.

Es ist nicht mehr fern, nein, das Exoskelett, das wir in einen normalen menschlichen Organismus integrieren können, damit dieser sich nicht die Mühe machen muss, vom Stuhl aufzustehen oder zu gehen und muskuläre, neuromuskuläre Energie zu verbrauchen… Das Gesetz des geringsten Aufwands, ausgeglichen durch Technologie und Knechtschaft, die uns ersetzt.

Es scheint, als würde der Mensch, da er in seinen eigenen Fähigkeiten keine Mittel findet, Geräte – in Anführungszeichen – „erschaffen“, Elemente, die als eine Art … als eine „neue Menschheit“ erscheinen.

Und wenn ich einen Roboter bauen kann, der schneller läuft als ein Mensch, dann werde ich Roboterrennen veranstalten. Wozu all das Training und die Hingabe, wenn ich einen Roboterzirkus mit großartigen Wetten haben kann?

 

Ja, es entsteht der Eindruck, dass die mächtigen Tendenzen, die die Verzweiflung befeuern, auf die Möglichkeiten technologischer und wissenschaftlicher Ressourcen setzen … die die Handlungen ersetzen, die üblicherweise menschlich waren.

Genauso wie „künstliche“ Intelligenzen – schon ihr Name ist bezeichnend – die alltägliche Intelligenz ersetzen, die unseren Strukturen eigen ist.

 

Die Kraft und Macht der technologisierten Wissenschaft, angewandt auf den Alltag, fordert unsere menschlichen Strukturen aus Muskeln, Sehnen, Nerven, Ideen, Fantasien heraus und erschüttert sie …

 

Und wenn wir nicht wachsam sind, im Bewusstsein, einzigartige Wesen im Universum zu sein – im Schöpfer Universum, im unergründlichen Mysterium, Unendlichen –, wenn das nicht lebendig ist, wenn wir nicht für das ständige Wirken der Vorsehung erwachen und es mit den Mitteln trüben, die Plattformen, Unternehmen, strukturierte Organisationen bereitstellen … dann ist es nicht leicht, die Erwartung aufrechtzuerhalten, dass das Richtige eintritt(!) auf das Angemessene, das Eintreffen des – lassen wir das Wort zu – „Wundersamen“.

 

Man gelangt zu dem Schluss, dass das Debakel, die Niederlage, der Schrecken, der Schaden, die Trauer … dem Leben innewohnen. Man stellt sich nicht einmal die Frage: „Ist das wegen dieser Lebensweise?“ Nein, das wird bereits als gegeben hingenommen, als Folge unserer Intelligenz, unserer Fähigkeiten.

 

Das Wesen der Menschheit – so fordert uns der Betende Ruf auf – ist eine schöpferische Präsenz, die Botschaften der Ewigkeit in sich trägt.

Es ist ein Entwurf des Gleichgewichts, der Befähigung, der Anpassung, der Evolution und der unbegrenzten Perspektiven, ähnlich und vergleichbar mit dem Universum, in dem es wohnt.

Kleine oder große Katastrophen, Dramen und Tragödien sind das Ergebnis eines Verlusts der universellen Identität und die Folge einer hedonistischen, egoistischen und – in Anführungszeichen – „intelligenten“ Verengung des eingezäunten, verschlossenen, ehrgeizigen und versklavenden Wissens.

 

Und ja: Das Vorherrschende, das Dominante, das eine Gruppe, einen Teil der Menschheit beherrscht, hat die zerstörerische und vernichtende Kraft, den Rest, der die Mehrheit bildet, zu vernichten.

Ja, wenn man sich in diesem Umfeld der Macht befindet, scheint es, als befinde sich die gesamte Menschheit auf gleicher Ebene. Und nein, das ist nicht wahr. Es ist das Spektrum der Macht und der Mächtigen, das in der permanenten Katastrophe schwingt; und zweifellos mit der Fähigkeit, die Katastrophe global zu machen. Aber das alltägliche Leben und Zusammenleben ist nicht universell: Es ist partiell, es ist sektoriell. Dass es sich zweifellos ausweitet? Ja. Aber in unserer Sichtweise als Bewohner des Universums, in unserem Mikrokosmos, erkennen wir die Vielfalt der Menschen, die nach sehr unterschiedlichen Mustern leben, und dass nicht alle von anhaltender Miesmacherei geprägt sind.

Das muss man ebenfalls berücksichtigen.

Denn die Verallgemeinerung, mit der sich das Dominante ausdrückt … lässt uns glauben, dass in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, die administrativen und disziplinarischen Situationen sowie die Skandale um Bürgermeister und stellvertretende Bürgermeister denen hier bei uns ähnlich sind. Ich fürchte, das ist nicht der Fall.

Das ist ein Beispiel.

Dass sich dieses Modell des Zusammenlebens, des Krieg Führens und der Zerstörung zweifellos mit der beunruhigenden Geschwindigkeit von brennendem Schießpulver ausbreitet? Sicher. Das stimmt.

Aber derzeit hat es seinen eigenen kriegerischen Komfortraum: den Westen. Der sich – sozusagen – als „ausreichend“ erweist. Sich – wie man früher sagen würde – „über das Meer hinaus“ auszudehnen, nun ja… das würde bedeuten, die endogame Vorherrschaft des Westens ein wenig zu verlieren. Hier in der Nähe gibt es noch viel Krieg zu führen.

 

Und inmitten dieses Ghettos fortwährender Dramen macht uns der „Betende Ruf“ deutlich, dass unsere Ausbildung, unsere Botschaften – sowohl die persönlichen als auch die gruppenbezogenen – in der Lage sein müssen, mit all diesem strukturellen und egozentrischen Manichäismus[1] umzugehen, ohne in einen Kampf zu geraten, ohne unsere Identität zu verlieren, ohne unseren Glauben aufzugeben. Den Glauben, der eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich zu sagen, dass ich ein einzigartiges Ereignis im unendlichen Universum bin.

Ich beleidige niemanden. Ich bin gegen kein Kriterium. Es ist eine Tatsache. Dass es scheinbar nicht sehr wirksam ist? Dass es scheinbar nicht sehr rentabel ist…? Gut. Genau: „Scheinbar“.

 

Aber in Wirklichkeit, in dem Maße, wie mein Glaube wächst, werde ich der Vorsehung bewusst, erlebe und überlebe ich das Wunder, und sei es nur durch die tägliche Nahrung. Es hört auf, eine Suggestion oder eine Flucht aus der Realität zu sein, und wird zum Fundament und zur Stütze, die eine Identität der Hoffnung aufrechterhält! Eine Identität aus Lösungsansätzen, Ideen für Errungenschaften und das Erreichen von Zielen.

Die Anstrengung, die auf die Verwirklichung, das Erleben und das Teilen von Berufungen und Idealen ausgerichtet ist und sich dabei der Schwierigkeiten bewusst ist, die durch den Strukturalismus[2] der Umgebung auferlegt werden. Man weiß – intuitiv und aus Überzeugung weiß man–, dass eine Berufung und eine zielgerichtete Tätigkeit unaufhaltsam sind. Unaufhaltsam!... Zweifellos mit angewandter Intelligenz und – lassen Sie uns sagen, in Anführungszeichen – „der Weisheit des Zusammenlebens“, indem man auf Kontroversen, Vorurteile und Auseinandersetzungen verzichtet, um zur wahren Vernunft zu gelangen.

 

(4 Minuten Stille)

 

Die befreienden Kräfte liegen in unserem universellen, schöpferischen Wesen. Und dafür muss man sich meditativ, betend, kontemplativ und aktiv darauf einlassen, damit sie zum Vorschein kommen und wirken können.

Jeder Aufschub bedeutet endlose Rückschritte. Vielleicht fällt es deshalb leicht zu sagen: „Es gibt wenig zu tun, es gibt kaum Mittel“… – und all die anderen Ausreden.

 

In der Kapitulation zu kulminieren und an ihr festzuhalten, bedeutet, diesem versklavenden Zusammenleben den Stempel „Wegwerfen“ aufzudrücken.

Beharrlich zu bleiben und unsere Ressourcen in einer Entschlossenheit und einem beständigen Handeln zu bündeln, ist die treibende Orientierung, die uns das Gebet vermittelt.

 

(2:30 Min. Stille)

 

Es gibt ein Hindernis – und das muss man sehr wohl bedenken –, wenn es darum geht, den Betenden Ruf anzunehmen: Es gibt das Hindernis, dass „es zu spät ist“, „es nicht mehr geht“, „ich keine Kraft habe“, „es viele Schwierigkeiten gibt“… Dieser lange Prolog, der letztendlich das Schreiben des Buches verhindert.

Und auf dieser kriegerischen Ebene, auf der man sich befindet, gibt das Wesen auf(span.: ‚por vencido‘[3]).

„Ich bin besiegt (span.: ‚vencido‘[4])., ich bin geschlagen, und ich muss als Gefangener meine Niederlage leben. Denn aufgrund meines Zustands, meines Alters, meiner Leistungsfähigkeit – ich, ich, ich, ich… – kann ich nicht mehr.“

All diese Verwicklungen aus Folgen, aus unersättlichen Vorworten, die das Schreiben des Buches des eigenen Lebens verhindern, müssen sorgfältig aufgelöst werden, auf der Grundlage dieser persönlichen Berufung, auf der Grundlage dieses leuchtenden Glanzes des Wunders, auf der Grundlage dieses solidarischen Zusammenlebens, auf der Grundlage dieser entschlossenen Verwirklichung.

 

Es ist nie zu spät und nie zu früh.

Es ist.

Es ist.

Es ist.

 

***

 

 


[1] Die zentrale Lehre des Manichäismus besteht in einem radikalen Dualismus zwischen zwei ewigen, voneinander unabhängigen und absolut verschiedenen „Naturen“ beziehungsweise „Prinzipien“.

[2] Der Strukturalismus ist eine interdisziplinäre Methode und Denkrichtung, die in den Geisteswissenschaften das übergeordnete System über das individuelle Subjekt stellt.

[3] Wird auch übersetzt mit:

[4] Wird auch übersetzt mit:

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