
38.26 Müssen wir uns etwa neu erfinden?
BETENDER RUF
Beten bedeutet, aufmerksam lauschen…
Es erfordert eine entschlossene Haltung…
Es setzt eine persönliche Vorstellung von Ethik, Ästhetik, Schönheit und Liebe voraus.
Beten bedeutet, sich der Schöpfung würdig zu erweisen, indem man sich selbst betrachtet, korrigiert, verändert, flexibler wird, sich bereit macht…
Beten bedeutet, sich selbst anzunehmen, sich in das Schöpfer Mysterium einzufügen, sich in IHM, von IHM, durch ES und hin zum IHM zu fühlen. Sich in IHM, durch ES und hin zu IHM zu fühlen, ohne dass dies einen festen Punkt in der Struktur, in der Form oder in einer gemeißelten Präsenz voraussetzt.
Sich in das Mysterium einfügen und so zum Komplizen des Unvorhergesehenen, des Unerwarteten, des Offengelegten, des Kreativen werden.
Beten ist das Geheimnis der beständigen Liebe. Es bewegt uns. Es erschüttert uns.
Wir entdecken uns in einer Unendlichkeit, in einer Ewigkeit.
Es gibt keine Herren, keine Hierarchien, keine Mächte. Es gibt Zeichen, es gibt Farbtupfer, Klänge, Kommen und Gehen.
Es gibt fortwährende Schöpfung. Jeder Herzschlag ist eine Schöpfung. Wir werden ständig geschöpft und neu gebildet.
Und dadurch fühlen wir uns als Einheit, eingebunden in die Wolken, die Winde, den Sand, die Reptilien, die Vögel, die Fische … Diese Vielfältigkeit, die scheinbar zerstreut ist, aber integrativ aus einem einzigen Klang besteht.
Da (span.: ‚ahí’) … gib es (span.: ‚hay’) … ach (span.: ‚ay‘)! …
„Da, gibt es, oh (span.: ‚ahí, hay, ay!’). Einheitliche Töne, die anzeigen, wo wir sind: da (span.: ‚ahí’); die uns zeigen, was es gibt (span.: ‚hay’– die uns zeigen, was es gibt –; und die uns in Staunen versetzen: Ach (span.: ‚Ay!’)!
Da. Da ist. Ach! (span.: ‚ahí, hay, ay!’).
Und all das, was unzugänglich erscheint – das Beten –, drückt sich, ohne ausgesprochen zu werden – wie jetzt –, in jedem Betenden Ruf aus.
Jeder Betende Ruf trägt diese Botschaft davon in sich, was beim Beten mitschwingt, was Beten bedeutet.
Und wenn wir uns dessen bewusst sind, ist jedes Gebet, jeder Ruf in die eine oder andere Richtung, von dem durchdrungen, was Beten ist.
(3 Minuten Stille)
Durch die Geschichte hindurch haben sich an verschiedenen Orten der Menschheit Muster, Schemata und Identitätsgrundlagen herausgebildet, die mit Überzeugungen, Bräuchen, Normen und Gesetzen angereichert sind.
Und in jeder Epoche hat die Menschheit verkündet, was sie ist, wer sie ist, was sie tut und wohin sie geht.
Und jeder Versuch – ja, jeder Versuch – wird zum Endpunkt. Er breitet sich aus, erobert, schwächt sich ab, verfällt und …
Und am Ende sehen wir überall – zum Beispiel – römische Ruinen.
Zweifellos sind Eitelkeit, Hochmut und Macht als Strategie gescheitert, um „über uns zu sprechen“, damit wir wissen, wer wir sind, warum wir da sind, was wir tun, wohin wir gehen.
Und die Reiche hinterließen nach und nach ihre Überreste. Und die Nachfolgenden versuchten es erneut, pflegten Ruinen und schufen … neue? Nein. Dieselben, aber mit einer anderen Nuance, mit einem anderen Erscheinungsbild.
Ach! Und man betrachtet die Pyramiden – die berühmtesten, wie die ägyptischen –, umgeben von einem Reich vergangener Mächte und … Und was ist daraus geworden? Was ist aus ihren Wahrheiten geworden? Was ist daraus geworden? Eine touristische Quelle für Fotos, für Interpretationen …; für unterworfene, unwissende, mittelmäßige Bevölkerungen, die im Getümmel der rauen und verletzenden Berührungen überleben.
Und es scheint, als hätten diese Völker sich nie gemocht, sich nie geliebt und schon gar nicht etwas füreinander empfunden. Und sie haben sich selbst zerstört … indem sie sich in Streitigkeiten und Eitelkeiten verstrickt haben, die sie zersplitterten, trennten, zerbrachen …
Und so bleibt uns nun, wenn wir andächtig unsere Menschlichkeit betrachten, nur noch ein Seufzer. Ja, ein Seufzer, denn alles, was geschehen ist, hatte keinen Sinn, war nicht in der Lage, uns zu definieren, uns Klarheit zu verschaffen, uns zu entdecken, uns zu lehren, feinabzustimmen, um uns miteinander zu vertragen.
Dennoch wird es erneut versucht. Und „neue“ – in Anführungszeichen; kaum neue – Versuche von Hegemonien und Mächten entstehen nun mit dem Getöse der Eile, des Gewinns, des Triumphs … Eine Fabrik, in der das Leben weggeworfen wird. Eine Fabrik der Enttäuschungen, der Wut und der fortwährenden Selbstermächtigung.
Das ist das neue Imperium, über das sich die Spezies, die Menschheit, zu definieren gedenkt … und dabei eine Spur aus Hunger, Krankheiten, Kriegen und sinnlosen Versprechen hinterlässt, die natürlich nicht eingehalten werden; eine Spur aus zerbrochenen Beziehungen, gebrochenen Eiden und gebrochenen Versprechen …
Das ist die neue Ordnung. Die neue „zweigeteilte“ Ordnung zwischen Reichtum und Armut, mit Scharmützeln dazwischen. Ach!... Ein schwer verdauliches Sandwich.
Reiche … Arme … wie zwei Brotscheiben, gefüllt mit Sehnsüchten, Versuchen, Gesetzen und Scharmützeln, die versuchen, aufzusteigen, während andere fallen.
Eine Füllung, eine verdorbene Füllung, von der sich die Menschheit insgesamt ernährt, während sie von Gesundheit, Errungenschaften, Wohlbefinden und Fortschritt spricht…
Während all das geschieht, dringt in dieser Version eine kleine Meldung zu uns durch, deren Überschrift lautet: „Vorsicht vor den Einkaufswagen“ – jenen, die die Hausfrauen mit sich führen und die so harmlos wirken. Und wie eine weitere Randnotiz, schleicht sie sich in die Sommerzeitungen ein. Bis wir auf die Überschrift stoßen und – wie von einer seltsamen Neugier getrieben – uns darüber informieren will. Und so gelangen wir in eine Stadt der Heiligen: San Sebastián. Oh! Die Promenade, der Tourismus, die Schönheit ihrer Strände, die Leidenschaft für das Essen, die Tavernen…
Und siehe da, einige bereits reife Frauen schieben einen Einkaufswagen, bleiben irgendwann stehen, und drei, vier, fünf junge Leute kommen herbei. Und die ehrwürdige Frau holt aus dem Einkaufswagen drei, vier, fünf Sandwiches hervor, die in Alufolie eingewickelt sind, damit sie warm bleiben. Die Jugendlichen nehmen sie entgegen und gehen weg. Doch während sie weggehen, taucht die Polizei auf – ja, meine Herren: die Polizei höchstpersönlich –, um die alte Dame zu fragen, was sie da tut. Die alte Dame, die schon Diktaturen, Demokratien und Terrorismus hinter sich hat, antwortet:
„Ich gebe denen Sandwiches, die nichts zu essen haben. Ich will nicht, dass in meiner Stadt jemand hungert.“
„Das ist verboten!“, sagt die Polizei.
„Was ist daran strafbar?“, fragt die Frau.
Und der Polizist antwortet:
„Unbefugtes Betreten von städtischem Gelände.“
Anordnungen des Bürgermeisteramtes einer Stadt, die den Namen eines Heiligen trägt und es verurteilt, einem Hungrigen ein Sandwich zu geben. Aber klar: Sie sind fortschrittlich und … und noch einiges mehr.
Währenddessen taucht in der Nähe eine weitere Karre auf, und noch eine! Und natürlich ziehen sich die Hungrigen zurück – die Polizei hat die Oberhand –, während die Frau mit gesenktem Kopf und einer weiteren Niederlage davongeht.
Dennoch rafft sie sich auf und: „Gib dem Hungrigen zu essen“, erinnert sie sich. Und sie wendet sich an den Klerus, an die Kirche – so stand es in dem Artikel –, und die kirchliche Autorität antwortet, dass …, dass sie nichts tun könne: Das sei ein gesellschaftliches Problem. Sie hält sich heraus, wie Pilatus.
Und damit endet der Zeitungsausschnitt; damit endet die kurze Geschichte: ohne Wertung; lediglich eine Beschreibung einiger Frauen, denen es sehr schwerfiel, dass jemand in ihrer Stadt Hunger litt. Und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln machten sie sich daran, zu helfen.
Es ist ein Detail – ja, sicherlich – ohne Bedeutung. Ein Detail unter vielen. Aber eines, das die Natur der neuen imperialen Ordnung schmückt … – „schmückt“ –; jener, die nach Freiheiten schreien, jener, die nach Reichtümern rufen, jener, die sich halbherzig als Religionen ausgeben.
Da gibt es einen Verfall. Da gibt es einen … Schmerz.
(2 Minuten Stille)
Muss man sich vielleicht innerlich – innerlich! – aufrütteln, um aus dieser alles umhüllenden Spirale auszubrechen, die sich immer und immer wieder wiederholt und dabei Ruinen und Ruinen und Ruinen hinterlässt?
Gibt es nicht schon genug Beispiele?
Ist es vielleicht so, dass wirklich noch alles vor uns liegt?
Könnte es sein, dass die mentalen, emotionalen, spirituellen, körperlichen, intellektuellen Strukturen … nicht dort sind, wo sie sein sollten, wie sie sein sollten, in jener existentiellen Seelenform der Schöpfung, der Ewigkeit? Könnte es das sein?
Müssen wir uns vielleicht neu erfinden?
In diesem beständigen Schleier des Gebets, der uns umgibt, entdecken, woraus wir bestehen, womit sich jeder rühmt(!), und was er verteidigt und was er angreift.
So viele Vorurteile, so viele abgedroschene Phrasen abschütteln.
Sich zu einem neuen Vokabular hinwagen: zu jenem, das keinen Rückwärtsgang kennt, das keine doppelte oder dreifache Bedeutung hat, sondern Vogelgesang ist … unnachahmlich. „Unnachahmlich“.
Wären wir so treffsicher, uns auszudrücken, ohne zu verletzen, ohne Doppeldeutigkeiten zu verwenden, ohne ständig zu versuchen, den einen, den anderen, den nächsten zu verändern … unter dem Einfluss der Position, die jeder einnimmt?
Es ist an der Zeit, aufzuräumen, zu überdenken, die Trümmer zu beseitigen, die uns immer wieder belasten.
Wir sind noch nicht in der Lage, uns vom römischen Recht, von Sokrates, von Aristoteles, von Platon zu verabschieden … Sie sind immer noch da wie Relikte aus rostigem Altmetall.
Und sie werden weiterhin als die ewige Wahrheit gesammelt und präsentiert, die da war – und aufgegeben wurde! … Dabei war sie es doch, die die ganze Verschwörung des Hedonismus und des menschlichen Suprematismus hervorgebracht hat.
Nein zum Rost. Nein zur Konditionierung. Nein zur Gewohnheit. Nein zur Verpflichtung. Nein zum Unantastbaren.
Ja zur Rückeroberung unserer Sensibilität, unserer Emotionen, unserer Illusionen, unserer Fantasie, unserer … Investition, in unsere Projekte zu investieren. In die wirklich neuartigen Beiträge.
Dass es sich nicht um Überreste bekannter Reliquien handelt.
Dass sie die Frische eines neuen Morgens haben.
Da… gibt es… oh!…
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