25.26 Wir sind befreite Ereignisse der Schöpfung

 

BETENDER RUF

 

Mit jedem Tag wird uns deutlicher bewusst, … dass sich die Entwicklung des Zusammenlebens der Menschheit – mit sich selbst und mit ihrer Umwelt – in zweierlei Hinsicht zeigt: die Gewinner und die Verlierer, die Reichen und die Armen, die Gebildeten und die Ungebildeten … und dieses lange „usw.“ der Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite aufgrund der Zwänge der globalen Macht, wobei die Person in diesem dualen Denken offensichtlich ihre kognitiven Möglichkeiten der Variabilität, der Möglichkeiten des Denkens, des Fühlens und des Suchens erschöpft.

Die auf allen Ebenen etablierte Macht reduziert diese Möglichkeiten zugunsten des Machterhalts oder zugunsten des Ausschlusses durch dieses „Ja“ oder „Nein“.

 

Das in der Mitte liegende (span.: ‚intermediacón[1]) verschwindet, ebenso wie die Diplomaten verschwinden und durch Fachleute und „Gefälligkeitsentscheidungen“ ersetzt werden; das heißt: diesen oder jenen zu ernennen, weil ich glaube, dass er das zu tun weiß: Vetternwirtschaft, familiäre Beziehungen…

 

Und das, was als „heilig“ oder als „spirituell“ bezeichnet wird, sollte über diesen Dualitäten stehen und sie auflösen, um in die Vielfalt einzutreten, in der wir uns befinden und in der sich die Schöpfung offenbart: in der Diversifizierung, nicht in der Sektorisierung in „Ja“, „Nein“, „Weiß“, „Schwarz“. Nun gut, diese Spiritualität, diese heilige Haltung könnte als Bezugspunkt dienen, und früher war es zwar nicht unbedingt so, aber es schien wie ein Zufluchtsort, und die Religionen spielten wichtige Rollen, zwar nicht neutral, aber doch „tendierend“ – tendierend – zu den Bedürftigen, zu den Ausgegrenzten.

Doch wie bereits im Deuteronomium der Tora angekündigt: „Die Armen wird es immer geben.“ Es scheint wie ein Fluch oder auch nicht, eine Notwendigkeit. Denn schon nach kurzer Zeit, mit völliger Klarheit – falls es zuvor nicht klar war, obwohl es das war –definieren sich die spirituell Ausgerichteten eindeutig und neigen zum Reichtum, zur Macht, zur Herrschaft.

Ja, ja. Es mag Beispiele geben – und es gibt sie auch –, bei denen sich Menschen „etwas“ widmen. Natürlich! Natürlich gibt es die! Aber wir sprechen hier von der Tendenz der Spezies und der Menschheit, die ihre Vielfalt zunehmend einbüßt und sich der schrecklichen Entscheidung nähert, in einem „Ja“ oder einem „Nein“ gefangen zu bleiben.

 

Vielfalt ist keine Halbherzigkeit. Es geht nicht darum, kleine Lücken zwischen dem Ja und dem Nein zu füllen. „Ja, vielleicht …„Nein, aber vielleicht …“ Nein. Es geht darum, sich befreiend für die Möglichkeiten und Bedürfnisse zu öffnen, die sich uns entsprechend unserer Ressourcen, Fähigkeiten, Entdeckungen, Projekte, Ideen … stellen, ohne dass diese zwangsläufig als „gut“ oder „schlecht“ eingestuft werden müssen.

 

Aber sicherlich ist es nicht … wir sagen nicht „einfach“, aber es ist keine Option, die begeistert, die das Offensichtliche offenbart: diese Diversifizierung. Nein. Denn erstens die kognitive Selbstverachtung, sich minderwertig, als Verlierer, unfähig, arm zu fühlen … schon als vorbestimmt, und die anderen, weil sie sich glücklich, lautstark, erwartungsvoll, schön, als Gewinner, als Herrscher fühlen … mit dem Recht, zu versklaven und zu beherrschen, da das Kapital, die Wirtschaft, diese Last, die mit dem Privateigentum begann, in der Lage ist … – so wie es ist –, jede Tendenz eindeutig zu korrigieren, da diese eine Wirtschaft, eine Möglichkeit von Ressourcen, Reserven erfordert.

 

Und so erfordern die Variablen, die entstehen können, eine Anstrengung, eine Hingabe, eine Absicht, lebenswichtige und seelische Bedürfnisse …, die keiner Marktwirtschaft, Bedürfnissen, Zwängen und der Propaganda unterworfen sind.

 

Der Betende Ruf versetzt uns in diese Position als geschöpfte Wesen, als Bewohner einer Schöpfung, die sich in einem unendlichen Universum bewegen, die sich in Form des Lebens ausdrücken und unsterblich werden, weil sie in der Ewigkeit leben.

 

Das Bewusstsein dafür zu wecken, mit welchen Ressourcen wir ausgestattet wurden und welche Zufälle uns auf unserem Lebensweg begleitet haben – Zufälle, die uns unterschiedliche Einblicke in unsere Fähigkeiten, die uns zur Verfügung stehenden Mittel und die in uns schlummernden Möglichkeiten gegeben haben.

 

Die Geringschätzung der Armut an sich … legitimiert ihre Versklavung. Und sie erkennt den Mächtigen und den Herrschenden als Auserwählten, als Gewinner an. Und sie betrachtet ihn als ihren Beschützer, von dem die Möglichkeit ihrer Arbeit, ihrer Gesundheit, ihrer Familie, ihres Handelns ausgeht …

 

Der Betende Ruf fordert uns auf, uns diesem Leben in der Schöpfung, in der Kreativität, in der Vielfalt zu widmen

In dieser Lebenskunst, die die Güte schätzt, die sich im Dienen verwirklicht und die sich in das Leben verliebt.

Und unter diesen Voraussetzungen übt man sich aus, verstreicht man. Und die Ressourcen und Mittel kommen zum Vorschein, sie kommen … „im richtigen Maß“.

Und dieses „richtige Maß“ gibt uns den Schutz, in diesem dualen Reich unseren Weg gehen zu können.

Und auch wenn wir uns durch unsere Gleichgültigkeit gegenüber den Extremen auszeichnen, wird man uns niemals als Feinde betrachten, da wir es nicht sind.

 

Wir sind nicht arm, denn wir sind lebendig, und wir streben auch nicht nach Reichtum, denn dieser verdirbt uns.

Wir sind befreite Ereignisse der Schöpfung.

„Befreite Ereignisse der Schöpfung“.

 

Wenn wir uns in diesen betenden Orientierungen üben, können wir Zeugnis ablegen und unserer Umgebung andere Perspektiven, andere Optionen, andere Möglichkeiten aufzeigen.

 

 

Die Verantwortung für unser Wesen – im zugleich allgemeinsten und abstraktesten Sinne – und für unsere mysteriöse Herkunft zu übernehmen, muss uns die Kraft, die Überzeugung und die Gewissheit schenken – denn sie (die Kraft) gibt sie uns –, dass das, was uns entspricht, was uns widerfährt, was uns erreicht, was wir entdecken, was auf mysteriöse Weise erscheint …, dass wir die Fähigkeit und die Mittel haben, eine Antwort, eine Vision, ein Bild zu geben, welches das, was wir vermitteln, erhellt, was diesen Buchstaben und Worten Licht verleiht, als befänden wir uns an einem dunklen Ort und würden durch diese Überzeugung und dieses Eintauchen in unser Wesen die geschriebenen Worte im Licht erscheinen.

 

Die Geringschätzung des Vergleichs, des Sich-mit-anderen-Vergleichens, ist ein Akt des Hochmuts, der Eitelkeit und der Wut, weil man sich für das hält, was man „glaubt“, dass jeder einzelne ist.

Und es scheint, als sei es ein Akt, der Mitleid und Bedauern hervorruft … und der Hilfe und Beistand benötigt.

Dessen bemächtigt sich die Macht! Das nutzt der Reichtum aus, um der Armut seine Krümel zu geben…

Und macht ihn zum Wohltäter, zum Almosenverteiler…

Und so trägt folglich jeder im Laufe des heutigen Tages diesen Reichen und diesen Armen in sich. Aber er muss sich davon lösen, denn er ist weder reich noch arm. Er ist Schöpfung.

Er ist nicht an eine bestimmte Summe oder ein Einkommen gebunden!

Auch wenn wir dann in der Praxis – natürlich – in eine Art Wirtschaftssystem eintreten müssen. Klar: Wir müssen wissen, wie wir uns integrieren können, ohne unsere Natur zu verlieren.

 

Aber diese Zeichen der Unfähigkeit, der Unmöglichkeit, der Verleugnung aus unserem Bewusstsein verbannen … All das ist Teil der Konditionierung und Prägung durch Macht und Reichtum, um uns zu unterwerfen und zu versklaven.

 

(4 Minuten Stille)

 

Ohne Eile – das Leben hat es nicht eilig – … lassen wir uns in jedem Augenblick von der Überraschung eines Gefühls, einer Emotion, einer Entdeckung erleuchten. Doch dafür müssen wir uns leeren, wir müssen die Fesseln der ständigen Sorge, der ständigen Angst, des ständigen Alarmzustands loslassen.

Schon aufmerksam; ja, wachsam.

Doch wir wissen, dass wir in der Schöpfung wie Wetterfahnen sind, und es werden Winde in der einen oder anderen Form wehen, die wir stets mit Respekt, Überzeugung, Glauben und Güte aufnehmen müssen, um mit diesen Ereignissen in Wechselwirkung zu treten – in der ständigen Hoffnung, dass sie, wenn sie aufgetreten sind, notwendig waren, und dass, wenn sie mir widerfahren sind, es notwendig war, dass ich darauf reagiere, dass ich eine Haltung einnehme, dass ich mich entscheide.

 

Aus dieser Überzeugung heraus – auch wenn es übertrieben erscheinen mag – wird alles, was auch immer geschieht, Teil dieses Schöpfer Mysteriums sein und für diesen Verlauf notwendig sein, auch wenn man es am Anfang oder in der Mitte oder … noch nicht sieht.

Im Gebet müsste man zugeben, dass man vieles nicht sieht, weil man es nicht sehen will. Denn man befindet sich im Wollen: „Ich will dies“, „ich will das“, „ich will jenes.“ Man befindet sich nicht im Lieben, was bedingungsloses Geben ist.

 

(5 Minuten Stille)

 

Es kommen, es klingen die Momente, in denen wir uns als Vermittler, als „Träger von“ entdecken.

 

Der „Betende Ruf“ wird somit zum Bezugspunkt, aus dem wir trinken, um uns an unser Wesen zu erinnern, es zu entdecken und mehr darüber zu erfahren.

Es ist das Vermächtnis, das das Schöpfer Mysterium den Geschöpfen hinterlässt…

Doch es ist ein Vermächtnis, das als etwas verstanden werden muss, das stets unterschiedliche, neuartige, manchmal gegensätzliche Interpretationen hervorruft.

Das in gewisser Weise nachahmt, was die Schöpfung sein kann. Was sie ist.

 

Und wenn wir uns daran erinnern, dass wir Schöpfung und somit Schöpfer sind, dass wir der mysteriösen Natur des Schöpfer Mysteriums angehören, und wenn wir den Gipfel zwischen … dem Mächtigen, dem Mächtigen selbst und dem Rest hinter uns lassen, um uns in einen Kontext des sich ausdehnenden, expandierenden Mysteriums zu begeben, dann werden wir zu authentischen Protagonisten, ohne Leistung und Macht zu beanspruchen, sondern indem wir deutlich machen, dass wir Schöpfung sind.

Und genau dann werden wir Zeugnis ablegen von jener Vermittlung, die dieses „Ja“ und dieses „Nein“ auflöst, um uns in fließende Bahnen zu verwandeln, die sich wie das Meer, das Meer, unvorhersehbar bewegen, um uns die ständige Überraschung … der Ewigkeit zu schenken.

 

 

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[1] Wird auch als „Vermittler“ übersetzt

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