BETENDER RUF

 

Die Eile wird zum Ruf nach Lösungen. Und die Rhythmen werden verzerrt. Und die Deutungen des Zufalls lösen sich auf und werden ignoriert.

So führt uns der Fortschritt, der das sogenannte „menschliche Wissen“ überschwemmt, in eine Individualisierung … die das Wesen zu einer Entität ohne Platz macht, die unter keinen Umständen zufrieden ist, die immer mit den „Aber“ – „aber“ … „aber“ – beschäftigt ist … und die das Transzendieren zu vergessen scheint, und manchmal sogar das Abmildern von Kontroversen und Spannungen.

 

Und so verschanzt sich jeder in seinem Ghetto und wird zum Problem: zum Problem für sich selbst und zum Problem für sein Umfeld.

Und kein Ort wird gut. Keine Tätigkeit ist die richtige. Unzufriedenheit überwiegt.

So erscheint das Handeln unbeholfen, unbeständig, schwierig…

Der Betende Ruf mahnt uns, das Leben als Zusammenleben, als gemeinschaftliche Einheit, als beständige Hoffnung, die sich erfüllt zu begreifen, die sich erfüllt, die sich täglich erfüllt. Wenn jedoch der Maßstab der persönliche Anspruch, die individuelle Forderung ist, bleibt das Erleben stets unbefriedigt. Es gibt keinen Trost.

 

Unter diesen Umständen ist es unumgänglich, neu zu überdenken, neu zu berechnen, zu überprüfen … auf die eigenen Ansprüche und auf die Anforderungen zu reagieren, die der Lauf der Zeit stellt und aufzeigt.

 

Die idyllischen, idealistischen Bestrebungen dürfen nicht herabgesetzt werden; sie dürfen nicht aufgrund dessen, was geschieht, was sich ereignet, herabgesetzt werden. Sie müssen sich anpassen, sie müssen die ständige Trauer imprägnieren, um nach den Bestrebungen zu sehnen, die da sind, um sich zu erfüllen, aber sie erfordern Demut, Dienst und Hingabe.

 

(2 Minuten Stille)

 

Ja. Ja. Manchmal stehen wir vor Unmöglichkeiten … aufgrund streng rationaler und strukturierter Ansätze, die „berechnen“, was geschieht, was geschehen muss und was geschehen wird.

Das Unmögliche wird gänzlich unmöglich. Mehr noch, es verschwindet fast. Auch wenn im persönlichen Bewusstsein immer dieser Hauch des Seufzers des Lebens vorhanden ist, der Seufzer des Wunders, der Seufzer der Erkenntnis, dass unser Wissen, trotz all unserer Klugheit, das Leben nicht bestimmt.

Und folglich müssen sich unser Handeln und unsere Haltung im Engagement zeigen.

Nicht in einer Haltung der Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was geschieht, nein. Es geht nicht darum, Gegensätze zu suchen, sondern darum, im „Jahr der Bekehrung“ das, was dramatisch, schwierig, unmöglich erscheint, sowie alle Schwierigkeiten mit Leben zu erfüllen, zu durchdringen und in etwas zu verwandeln, das lösbar, behebbar, veränderbar und umwandelbar ist.

 

Es ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen und Schuldige; es ist die Zeit für verantwortungsvolle, solidarische Antworten.

 

Die Menschheit als Spezies hat zahlreiche Situationen äußerster Verzweiflung überstanden. Und sie hat dies auf der Grundlage idealistischer Vorschläge – oder idealistischer Ansätze – getan, die den Glanz der Begeisterung, der Vorstellungskraft und der Fantasie in sich trugen. Und die dadurch, ausgehend vom Kleinen, Antworten, Wege und Lösungen hervorgebracht haben…

In unserem universellen Gedächtniscode sind, auch wenn wir uns nicht daran erinnern, Fähigkeiten gespeichert, die angesichts von Schwierigkeiten zum Vorschein kommen und uns immer wieder – so oft wie nötig – aufsteigen lassen, um dieses mysteriöse Leben, dieses Gefühl, geschaffen zu sein … und Bewohner des Universums zu sein, das an einem Ort mit allen Ressourcen, aber sicherlich in Aufruhr, umherwandert, wachsen zu lassen.

 

Ideale und Projekte sind durch „Gefällt mir“, „Gefällt mir nicht“, „Ich habe Lust“, „Ich habe keine Lust“ ersetzt worden …

 

(4 Minuten Stille)

 

Man könnte annehmen, dass es aufgrund der Erfahrung der Geschichte – auch wenn sie missbraucht und manipuliert wurde – und aufgrund der persönlichen Geschichte – interpretiert und neu interpretiert – offensichtlich ist, dass die eigenen persönlichen Ressourcen nicht ausreichen. Dass wir eine „Würze“ – nennen wir es so – oder einen geheimnisvollen Trank haben, der uns bei jedem Erwachen neu belebt, der uns unsichtbar beflügelt, der uns anregt, ohne dass wir ihn herbeirufen, und der uns entgegen aller rationalen Vorahnung dazu bringt, weiterzumachen, weiterzugehen.

 

Doch in der gegenwärtigen Zeit … haben sich die unsichtbaren Gegebenheiten – jene, die uns stützen und unterhalten – getrübt, und die greifbaren Konstanten sind deutlicher geworden …, ohne dass wir bemerken, dass diese greifbaren Konstanten nicht etwa etwas anderes sind, sondern dass sie die Art und Weise darstellen, in der sich das Ungreifbare geformt und angepasst (span.: ‚acomodar‘) hat.

Und unsere Aufgabe ist nicht es sich behaglich zu machen (span.: ‚acomodar‘), sondern die ständige Unordnung (span.: ‚desacomodar‘)– aufgrund der unvorhersehbaren Realität des Unmöglichen, der Wunder und der unvorhersehbaren Ereignisse.

Die Zuflucht in der Bequemlichkeit, im Verlangen nach Sicherheit und im Dogmatismus des persönlichen Glaubens ruiniert letztendlich das Bewusstsein für das Überleben, für das Erleben und für das Zeugnis, am Leben zu sein.

Und wenn wir uns all dessen bewusstwerden – was die Absicht des „Betenden Rufs“ ist –, werden wir uns in anderen Perspektiven wiederfinden. Wir werden auf andere Fähigkeiten vertrauen. Wir werden uns auf diese Sprünge einlassen, auf diese kleinen Sprünge ins Leere. Wir werden unser Vertrauen nicht in unsere Fähigkeiten setzen, sondern in die ständigen Möglichkeiten, die sich eröffnen werden, in dem Maße, wie wir uns als demütige und unwissende Diener fühlen.

 

(3 Minuten Stille)

 

Das Privileg des Lebens bewusst machen. Und damit die Eigenschaften dieses Daseins entdecken, dieses Bewusstseins des Fortdauerns, dieser Mikrokosmos zu sein, der ein Replique des Universums ist, in dem wir leben, das sich uns unzugänglich, unermesslich, unergründlich zeigt…

Und dass das Universum, das wir betrachten, in diesen Dimensionen nur ein kleiner Ausschnitt der Schöpfung ist.

Doch wir haben es immer weiter eingegrenzt … bis wir es auf die alltäglichen Vorlieben und Tätigkeiten sowie auf die grundlegendsten Bedürfnisse reduziert haben und dabei den Bezugsrahmen verloren haben, durch den wir hier sind.

 

Wir sind Ausdruck des Schöpfer Mysteriums, das nichts verschmäht, das – wie das Dao sagt – wie das Wasser ist: das sich jeder Form anpasst … ohne seine Identität zu verlieren.

Und da wir Bestandteile davon – nämlich des Wassers – sind, könnten wir uns durchaus auf diesen Bestandteil besinnen und ihn in uns aufnehmen, um uns für seine Art des Verhaltens zu öffnen: mal Fluss, mal Quelle, vielleicht Springbrunnen, manchmal Brunnen…

Mal ein Bächlein, mal ein Mäander, mal ein Feuchtgebiet, mal eine Mündung. Ein anderes Mal Meer (span.: ‚mar‘) und Liebe (span.: ‚amar‘)

Und sich in Dampf und Wolke verwandeln, sich in Kälte und Schnee verwandeln.

Und zu sehen, wie durch seine Güte der Same keimt, das Bedürfnis gestillt wird…

Und er wird zur Stütze des Lebens und zum Leben selbst.

 

 

Es ist der Moment, neu zu bewerten. Es ist der Augenblick, um … dauerhaft wieder aufzuerstehen. Es ist der Moment, um unsterblich zu werden. All dies zusammen, um uns als Substanz des Mysteriums, der Schöpfung zu fühlen und das Verstreichen, den Lauf der Zeit als ständige Erneuerung anzugehen; ohne Vorurteile, mit der Begeisterung, uns als Auferstandene, Unsterbliche, Überlebende zu wissen … und gewiss als Teil eines Mysteriums: jenes Geheimnisses, das uns zum Beten, zum Meditieren, zum Nachsinnen und zum Ergründen des Leidens, des Schmerzes aufruft …

 

 

Ein Augenblick der Transparenz, der die Wolke auflöst und es uns ermöglicht, das Blau zu erblicken, die Weiten, in die wir eingetaucht sind.

Und so uns als Universen zu fühlen, mit expansiven Fähigkeiten, mit innovativen Schöpfungen, ohne Scheu vor dem Fehler, mit der Überzeugung, wiedergutzumachen, wiederherzustellen, zu erneuern.

 

 

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