37.26 Und warum nicht?
BETENDER RUF
Und jeden Tag entsteht eine neue Schöpfung. Und damit regt uns das Leben dazu an, uns zu ‚kreativieren‘ und starre, engstirnige, gewohnheitsbedingte und aufgezwungene Muster loszulassen.
Je tiefer das Wesen in das Wissen über das Universum, in dem es lebt, eindringt, desto mehr werden wir uns als Spezies unserer Unwissenheit bewusst; desto mehr erkennen wir unsere kurzsichtige Sichtweise und noch mehr die Regeln, die als Wissenschaften der Wahrheit ausgegeben werden.
Und so tauchen immer häufiger … Beispiele von Berechnungen und Zahlen auf, die uns zeigen, dass wir noch nicht einmal annähernd begriffen haben, was das Universum ist – und es auch heute noch nicht tun.
Aber ja, es ist wahr, dass sich diese Schöpfung diversifiziert, und in dem Maße, in dem wir – in Anführungszeichen – „wissen“, entdecken wir unser Nichtwissen.
Diese Betrachtung des „Betenden Rufs“ könnte als eine bloße wissenschaftliche Meldung in den Nachrichten verbleiben, doch gerade dadurch, dass sie im Rahmen des „Betenden Rufs“ ausgestrahlt wird, bezieht sie uns mit ein; sie bezieht uns in unserem Engagement, unserer Herangehensweise, unseren Wahrheiten, Meinungen, Maßstäben, Gewohnheiten … und vor allem in dem mit ein von: „Das ist nun einmal so.“
„Ist das so“ …?
Zunächst müsste man das „das“ definieren. Und dann, das „so“, als dominierender Imperativ, hat keinen Platz im Universum, in der Schöpfung, im Leben.
Die Offensichtlichkeiten selbst – das, was wir „Beweise“ nennen – sie alle weisen eine Nuance von besonderer Relevanz auf, die je nach Moment, Umstand, Entwicklung, Zeit, Analyse … zunehmen oder „abnehmen“ kann.
Eine Schattierung. Und tatsächlich ist das gesamte Verstreichen von Nuancen durchsetzt; diese sind, wie … – um es vielleicht besser zu verstehen – wie in unserem genetischen Code: Gene werden aktiviert, sie werden deaktiviert, sie überspringen … sie mutieren … Warum? Nun … es ist eine Schattierung. Es reicht schon, wenn sich ein einziges unserer Gene – von denen wir ja nicht einmal alle kennen – in seinem normalen Verhalten verändert, damit sich die Struktur ändert, die Konfiguration modifiziert wird, die Funktion verzerrt wird oder einfach anders ist.
Eine Nuance.
Kürzlich – ein Beispiel aus dem gesellschaftlichen Bereich – stand eine Frau vor Gericht, weil sie ihre drei Kinder in einem … – um es zusammenzufassen – in einem Anfall von Wahnsinn getötet hatte. Eine Art von Wahnsinnsanfall, der als vorübergehende Störung beschrieben wird.
Nun gut: Bei dem Prozess waren elf Geschworene einer Meinung. Einer hatte eine andere Meinung, woraufhin kein Urteil gefällt wurde und der Prozess für ungültig erklärt wurde.
Und es schien offensichtlich – denn so war es auch –, dass drei Morde begangen worden waren.
Wirklich? Ganz sicher…?
Da kommt die Nuance des Wortes ins Spiel, die Nuance der Form, die Nuance der Motivation, die Nuance…
All das bildet Teil der unaufhörlichen Schöpfung.
Und so veranlasst uns der betende Bezugspunkt dazu, unsere Projekte, unsere Ansätze, unsere Standpunkte ständig neu zu betrachten …; jene, die manchmal einfach so stehen bleiben, festgefahren in Stereotypen: „Nein, es ist nun mal so“, „der ist nun mal so“, „der andere ist nun mal so“ …
Nun ja, wir wissen ja, dass das, was für die einen ein Skandal ist, für andere ganz normal ist. Es hängt von der „historischen Nuance“ jedes Einzelnen ab: von seinen Bräuchen, seinen Normen, seiner Moral.
Wie man sieht, ist es gar nicht so schwer zu erkennen, dass unsere Identitäten in Bezug auf Kriterien, Meinungen und Standpunkte wahrlich zerfasert sind.
Und so müssen wir den roten Faden des Schöpfer Mysteriums suchen, um unsere Maßstäbe … hinsichtlich Fähigkeiten, Unfähigkeiten, Möglichkeiten … zu verwandeln, zu verlagern, zu ändern, zu modifizieren, zu bewegen, zu verklären …
Es ist, als würde sich ein Maler weigern, die Farbe Grün oder Gelb zu verwenden, weil ihm etwas passiert ist, als er ein T-Shirt in dieser Farbe trug. Und das bleibt dann so – genau so –; er ist davon so verblendet, dass er diese Farbe nicht mehr verwenden kann. Und allein diese Nuance wird ihn dazu bringen, sich in vielen anderen Dingen ebenfalls verblenden zu lassen und gegenüber allen und jedem immer mehr „kriterienisieren“ – – Kriterien, Kriterien und noch mehr Kriterien aufzustellen.
Setzen wir auf das Leben, oder nicht? Oder setzen wir auf „so ist es nun mal“?
Wenn wir auf das Leben setzen, dann müssen wir bedenken, dass es sich in einem Universum befindet.
Es scheint so einfach zu sein, das zu erkennen, doch dann stellt sich heraus, dass es so schwer ist, es konkret umzusetzen…
Und nein. Der Mensch erinnert sich an sein Zuhause, an sein Viertel, an sein Land … Und ihm zu sagen, dass er ein Wesen des Universums ist und den ständigen kreativen Momenten unterworfen ist, nun, das geht gar nicht!
– Nein, er trinkt doch immer um sechs Uhr morgens Kaffee.
– Immer?
Einerseits könnte das ein Zeichen der Ewigkeit sein, oder? Das heißt: „Der Beweis dafür, dass ich ewig bin, ist, dass ich immer um sechs Uhr morgens Kaffee trinke. Immer! Wenn man mir eines Tages den Kaffee verbietet, weiß ich nicht, ich weiß nicht, was aus meinem Leben werden soll.“
Das ist doch krass! Oder?
Und so passt sich das Wesen nach und nach seinen Gewohnheiten, seinen Dogmen, seinen Urteilen an – nicht wahr? –, die es immer und immer und immer wieder wiederholt … bis es sie zu Gesetzen macht.
Und von da aus zum Urteil. Und von da aus zur Verurteilung. Und von da aus natürlich zur Strafe.
Wenn wir auf das Leben setzen, setzen wir auf das Spiel … einer kreativen, neuartigen, variablen, veränderbaren, dynamischen Dynamik. Es gibt nämlich viele Worte, um Einstellungen und Handlungen zu unterstützen, anzuregen und zu motivieren.
Zweifellos waren es – und sind es – Millionen von Äonen – wir sagen jetzt nicht mehr „Jahre“ –, in denen sich ein Epigenom herausgebildet hat, was ein Genom geprägt hat, dem es schwerfällt, sich zu verändern, zu variieren, anzupassen.
Was wäre, wenn wir – als Nuance, als Gen – in das kategorische „Weil es so ist“ die Variable „Und warum nicht?“ einbringen würden?
Im dem „weil darum“ gibt es keine Optionen. Es ist eben einfach so. Im „und warum nicht?“ steckt eine Frage, eine Fülle von Möglichkeiten. Ich verlasse das „weil darum“, um in eine andere Perspektive, in eine andere Dynamik einzutreten.
„Und warum nicht?“
Es ist, als wäre der Lebensweg voller Türen, von denen einige verschlossen wären.
Sie müssen alle offen sein, damit man ein- und ausgehen kann.
In dem Moment, in dem wir – und dieses Wort ist entscheidend – eine der Türen verurteilen – die Verurteilung –, verschließen wir die Kreativität, verschließen wir … denn diese Kreativität der Schöpfung braucht, dass alles offen ist. Alles. Alles.
Und genau dann, wenn alles offen ist – und warum auch nicht? –, dann treten wir in diese universelle Harmonie ein; in diese universelle Harmonie des Unvorhersehbaren, des Unerwarteten, des Überraschenden, des Neuen…
Gefangen in Atavismen (span.: ‚Atavismus‘) – das Wort sagt es treffend: „gebunden“ (span.: ‚atado‘) –, kurz gesagt, in der Knechtschaft von Philosophen, Denkern, Mathematikern, Wissenschaftlern, Weisen … – die entsprechend ihren Interessen und Standpunkten ein Gesetz festlegten –, wurden nach und nach alle Möglichkeiten eingeschränkt. Und indem wir die Möglichkeiten einschränken, verschließen wir unser Leben als Universum.
Mit welcher Leichtigkeit! Die Tradition sagte: „Wir sind ein Mikrokosmos.“ Mehr fügte sie nicht hinzu.
Eindeutig. Aber nicht aufdringlich. Jenseits des Offensichtlichen: hinter dem Offensichtlichen. So fühlen wir uns als Universum: unbekannt, mysteriös, transzendent.
Und so bleiben wir in keiner Position verhaftet.
Und um unsere Treue zu einer flexiblen Entwicklung zu machen … die sich wandelt, die sich verwandelt, die sich belebt, die wächst.
Die Ordnung der Ordnung des Ordnens ist darauf bedacht, zu klassifizieren, zu dogmatisieren und Starrheit zu etablieren. Und sie behauptet, dass es so möglich ist, zu leben und zusammenzuleben. Und gäbe es diese Ordnung nicht, wäre alles ein Chaos. Sie bezieht sich nicht auf das Chaos des Universums.
Es scheint, als wären wir nicht in diesem Universum, nicht wahr? Und alles muss in Ordnung sein, diktatorisch in Ordnung. Zu diesem Zweck veröffentlichen die Amtsblätter der Staaten täglich, unermüdlich, ihre Gesetze und Vorschriften: damit wir alle auf die eine oder andere Weise das Bewusstsein der „Schuldigen“ erlangen.
Das ist eine einfache Strategie jeder Herrschaft, Diktatur, Macht oder Vorherrschaft: Es gibt genügend Gesetze, Vorschriften und Fristen, sodass du einige davon nicht einhalten kannst. Und schon fühlst du dich schuldig – oder man sorgt dafür, dass du dich schuldig fühlst. Denn du hast ja zuvor selbst nach Ordnung verlangt. Du wolltest Ordnung, Ruhe …
Aber natürlich wollte jeder das auf seine eigene Weise.
Und so kommt es schließlich dazu, dass genügend Anordnungen, Gesetze, Ernennungen usw. erlassen werden, damit sich alle schuldig fühlen.
Natürlich verteidigt sich der Schuldige. Und wie verteidigt er sich? Mit demselben Werkzeug, mit dem man ihn schuldig gesprochen hat: indem er nach einer Anordnung, einem Gesetz, einer Vorschrift sucht, die offensichtlich beweist, dass der andere der Schuldige ist.
Für den Diktator – allgemein gesprochen: sei er nun Demokrat, links, rechts, in der Mitte oder eine dieser zwielichtigen Bezeichnungen … – für den Diktator ist alles, was nicht seinen Anordnungen entspricht, falsch. Und für diejenigen, die dieser Diktatur ausgesetzt sind, ist alles, was vom Diktator ausgeht, schrecklich.
Was für eine plumpe, mittelmäßige Art, in einen permanenten Krieg zu geraten!
Dort verliert der Mensch seinen Sinn für Universalität und Kreativität. Er wird dogmatisch in seinen Ansichten, obwohl er eigentlich flexibler werden sollte, indem er Beiträge leistet, seine Meinung äußert und argumentiert.
Jeder neue Morgen schenkt uns einen neuen Glanz, an dem wir uns orientieren können.
Man darf nicht in das radikale Bewusstsein der Vergangenheit verfallen.
Möge sich das Bewusstsein öffnen für die unendlichen Möglichkeiten von: „Und warum nicht?“
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