26.26 (Jedes Wesen, das im Leben fortdauert, hat eine Verpflichtung mit dem Leben)
BETENDER RUF
Jedes Wesen, das im Leben andauert, muss als untrennbarer Teil des Mysteriums – des Mysteriums zu leben – anerkennen, dass es eine Verpflichtung – erneut – diesem Wort „Leben“ gegenüber hat.
Zweifellos kann es sich in sich selbst zurückziehen, sich selbst betrachten, sich selbst proklamieren und … all das automatisch nach innen gerichtet, egozentrisch und „sektiererisch“.
Ja. Es kann das tun. Doch das setzt eine ständige und ununterbrochene Anstrengung voraus, die nicht seiner Natur entspricht, und bedeutet zudem Isolation, Kampf, Vorurteile, Macht…
Wenn das Wesen hingegen – allein durch die Tatsache des Lebens – annimmt, dass es eine Verantwortung im Leben hat … – also so in mysteriösen Termini, ja.
Der eine oder andere wird sich schon einmal gefragt haben: „Nun, was ist mein Schicksal? Welchen Sinn hat mein Leben? Was kann ich machen?“, und solche Fragen, die kommen und gehen und selten beantwortet werden.
Und sie werden selten beantwortet, weil sich der Mensch nicht voll und ganz bewusst gemacht hat, was es bedeutet „zu Leben“.
Und das Lebendige bezeugt, und das Lebendige bestätigt, und das Lebendige lebt miteinander.
Und das Lebendige sucht, das Lebendige findet, das Lebendige lernt, das Lebendige dient, das Lebendige empfängt, das Lebendige gibt, das Lebendige stellt sich zur Verfügung, das Lebendige wird unvorhergesehen, das Lebendige macht sich verfügbar.
Das Lebendige wird zur Poesie, das Lebendige wird zur Fantasie, das Lebendige wird zur Kunst … im Gehen, im Kleiden, im Sprechen … Oder muss man auf ein Fest warten, um sich elegant zu kleiden oder schöne Worte zu finden?
Das Zeugnis zu leben ist zweifellos mysteriös. Doch der Betende – und darauf weist uns der „Betende Ruf“ hin – muss sich bewusst machen, dass er allein durch die Tatsache, dass er lebt, hier und jetzt gegenwärtig ist, ein kleiner, mittlerer oder großer Teil ist …; er kann sich selbst als was auch immer betrachten, aber er ist ein Teil, der Einfluss nimmt, der wirkt, der empfängt, der nicht gleichgültig ist: dass jede Handlung in dem Lebendigen widerhallen wird.
Diese Verantwortung, dieses Zeugnis – geprägt von den Eigenschaften, von denen wir gehört haben – bedeutet keine Anstrengung; es bedeutet, sich zu zeigen, sich zu wundern über … sich als Herzschlag zu fühlen, sich als Atemzug zu fühlen.
Ja. Es stimmt, dass Schmerz, Enttäuschung, Trauer, Wut – und andere Gefühle – Elemente sind, die nach einer Antwort verlangen.
Ja, doch nach und nach, ganz allmählich, werden wir erkennen, dass diese Ereignisse, die – fälschlicherweise – als „persönlich“ bezeichnet werden, mit allem verbunden sind, mit jenem Mysterium, das „Leben“ genannt wird.
Und wenn wir versuchen, unseren Unmut, unser Unbehagen, unseren Schmerz, unsere Trauer, unsere Wut, unseren Groll … – nun ja, all diese Eigenschaften, die das übliche Lebensmodell mit sich bringt – zu lösen, und wenn wir versuchen, dies „persönlich“ zu lösen, hören wir auf, uns des Lebens bewusst zu werden, um uns stattdessen des „Ichs“ bewusst zu werden.
Das „Ich gehöre nicht mir selbst“ verliert seinen Sinn, und stattdessen treten das „Ich bin“ und das „Ich“ in den Vordergrund.
Bei dieser Vereinnahmung – man beachte das genau –, bei dieser Vereinnahmung, die der Mensch im Leben durch die sehr unterschiedlichen Wechselfälle, die er durchlebt, vornimmt, trennt er sich, schottet er sich ab von der lebenswichtigen Verantwortung, von seiner lebenswichtigen Teilhabe am Phänomen des Lebens.
Zweifellos – zweifellos – wird jedes Wesen eine Antwort haben, die fälschlicherweise als „persönlich“ bezeichnet wird, die aber das Produkt ist …; ja, fälschlicherweise als „persönlich“ bezeichnet, denn es ist eine Antwort, die die Folge einer Erziehung, einer Kultur, einer Religion ist … Das heißt, es ist keine autochthone, isolierte, persönliche Antwort.
Der „Betende Ruf“ versucht, uns unsere Verpflichtung als Leben im Leben bewusst zu machen. Und dafür nützt uns unsere lebensbeherrschende Selbstgefangenschaft nichts. Denn diese lebensbeherrschende Selbstgefangenschaft, die sich das Wesen durch seinen Personalismus und seinen Egozentrismus auferlegt, schadet den anderen ernsthaft!
Mit „anderen“ sind „alle“ gemeint.
Kennen Sie das typische Beispiel eines verdorbenen Apfels, umgeben von gesunden Äpfeln? Was ist das Ergebnis?
Nun, das ist genau dasselbe. Zweifellos erfahren wir in all den Ereignissen, die wir täglich kennen, von denen wir erfahren, die uns mitgeteilt werden, die uns gezeigt werden, die wir lesen – bei einer Bevölkerung von zweifellos mehr als über 8 Milliarden Menschen –, was in den Bergen des Himalaya geschieht, was mit den Menschen dort geschieht oder mit denen, die an den afrikanischen Küsten oder in Sibirien leben … das scheinen weit entfernte Orte zu sein, und das, nun ja, „das geht mich nichts an“, wie es in dem amerikanischen Spruch heißt: „It’s not my problem“ – das ist nicht mein Problem.
Sobald wir sagen „das ist nicht mein Problem“, schotten wir uns ab und fügen dem übrigen Leben – ja, dem Mysterium des Lebens – schweren, wirklich schweren Schaden zu.
Und dazu gehören Delfine, Elefanten, Skorpione, Vögel … Wir sind eine Einheit, und jeder Teil dieser Einheit, insbesondere der Mensch, muss seinen Platz einnehmen, indem er seine Begabungen, seine Neigungen, seine Vorlieben, seine Anziehungskräfte, seine Fantasien, seine Träume entdeckt …
Und in dem Maße, in dem man all dies tut, trägt man zweifellos – zweifellos – zum Leben bei.
Und in dem Maße, in dem dies nicht geschieht, in dem man verschlossen und geizig wird, stört und schadet man dem Leben.
Vielleicht merkt er es nicht. Vielleicht. Aber nach und nach, nach und nach, wenn er es nur ein bisschen merkt, sind zumindest die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung davon betroffen … sie spüren es.
Unser Blickfeld wird viel zu eng, und wir konzentrieren uns nur auf unseren unmittelbaren Einflussbereich. Aber nein. Nein. Das ist ein Irrtum. Ein Irrtum in der Wahrnehmung, in den Dimensionen, in den Verhältnissen. Ein schwerwiegender Fehler. Ja, denn nach und nach, nach und nach, nach und nach, wenn sich das Bewusstsein erweitert und wir den egozentrischen Hedonismus ein wenig hinter uns lassen, werden wir erkennen, dass unsere Handlungen, Einstellungen, Gedanken und Worte alles beeinflussen.
Wir schaffen es nicht zu ergründen, „in welchem Maße“ unser Verhalten die Bewohner Sibiriens beeinflusst. Nein. Sicherlich nicht.
Aber da das Leben eine Einheit ist, ein außergewöhnliches Ereignis in der Schöpfung, und selbst innerhalb des Wenigen, das wir wissen, innerhalb unserer höchsten Unwissenheit, ist Leben gleichbedeutend mit Schöpfung und als solches ein Mysterium.
Und die Tatsache, an diesem Geschehen zu leben … teilzuhaben, muss uns bereits die fantastische – ja, fantastische – Überraschung bescheren: „Warum ich …? Warum bin ich hier … als Produkt eines Schöpfer Mysteriums?“
Und wenn ich mich wahrnehme und bemerke … und mit mir selbst spreche und rede … und schaue und höre, kann ich nicht anders, als „zu staunen“.
Das Staunen darüber, zu leben(!), mich lebendig zu fühlen, ist ein Kunstwerk.
Ja! Ein Kunstwerk, wenn wir auch nur ein wenig – so wenig wir auch wissen – über unsere Formgebung, unsere Konfigurierung und unsere Funktionsweise wissen.
Stellen wir uns für einen Moment vor – nur für einen Moment, ja? –, dass wir „etwas“ sind – etwas, einfach nur etwas. Und wir entdecken und sehen einfach so in seiner Ganzheit einen Menschen vor uns.
Und von unserem „Etwas“ aus betrachten wir ihn: wie er sich bewegt, wie er handelt, wie er isst, wie er schläft, wie er springt, wie er lacht, wie er weint…
Würde dieses „Etwas“ nicht große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dieses Wesen namens „Mensch“?
Wäre „das Etwas“ nicht unglaublich überrascht, dass es ein Wesen mit solchen Eigenschaften geben könnte? Es hört, sieht, schmeckt, tastet, träumt, stellt sich Dinge vor, fantasiert … es „tut“.
Nun gut, wenn es uns für einen Augenblick gelungen ist, dieses Etwas zu sein, haben wir uns in uns selbst widergespiegelt gesehen. Und dann, bevor wir uns in den Müll werfen, bevor wir uns geißeln, bevor wir uns selbst die Schuld geben, bevor wir anderen die Schuld geben, bevor wir uns beschweren, bevor wir wütend werden, bevor wir gewalttätig werden, bevor wir nachtragend sind, bevor wir lügen(!), bevor wir etwas verheimlichen – nun, dann könnten wir doch andere Dinge tun, oder?
Wir könnten anders sein, anders-anders, anders-anders[1].
Vielleicht haben wir noch nicht erkannt – so sagt uns der Betende Ruf –, wer wir sind! Als Wesen, die das Leben bewohnen, die zum Leben gehören. Wir haben es noch nicht erkannt!
Und wir haben uns in unseren Bizeps, in unsere Kraft, in unseren Gewinn, in unsere Leistung verschlossen … und dort hat sich ein ganzes Leben erschöpft und ist verstrichen.
Und sicherlich – vielleicht sogar „ganz sicher“ –, wenn wir uns bewusst machen, dass wir sind und existieren, was zweifellos ein Mysterium ist, dann würde unsere Rolle als Protagonist, als Hedonist, als Rassist, als Sektierer, als Stubenhocker und als Verborgenes … aufhören, der Kult zu sein, den das Wesen gewöhnlich um sich selbst pflegt.
Zweifellos, als man in der Antike sagte: „Wenn sich der Mensch beunruhigt fühlte, begab er sich in seinen Tempel – oder zum Tempel –“ …
Und sicherlich hat sich dieser personalistische Hedonismus zum „Tempel“ erklärt, zum „Dolmen“ und zur „himmlischen Gestalt“.
Und das ist sein Leben, das ist seine Idee, das ist sein …
Das Bewusstsein zu leben, mich eins mit allem Lebendigen zu fühlen … bedeutet zu spüren, dass jede Pore meiner Haut ein Atemzug des Universums ist, es ist eine Hoffnung, die pocht und pocht(!), die mich dazu aufruft, eine ständige Ausübung des Muysteriums zu sein, ein ewiger Diener der Kunst(!), der Schönheit, der Hingabe und … der ständigen Illusion.
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[1] Im Originaltext heißt es „di-di-diferente“

